Interview mit Elisabeth Kolb

Vor einigen Tagen wurde Elisabeth Kolb von unserem Oberbürgermeister Frank Klingebiel im Rahmen der Auszeichnung "Salzgitteraner des Jahres 2020" für Ihr Engagement geehrt.

Das folgende Interview führte Pastor Sorge:

Frau Kolb, am vergangenen Freitag wurden Sie von Oberbürgermeister Frank Klingebiehl als „Salzgitteranerin des Jahres 2020“ in einer Videoübertragung für Ihr ehrenamtliches Engagement in der Wärmestube geehrt. Sie sind die Frau der ersten Stunde. Was hat Sie vor 25 Jahren bewogen mitzumachen?

Pfarrer Plochg besuchte mich in meinem Geschäft, erzählte mir, dass er eine Wärmstube für Obdachlose und Bedürftige eröffnen möchte und fragte mich, ob ich bereit wäre, mit zu helfen. Ich überlegte nicht lange und sagte zu, da ich schon immer ein Herz für Menschen hatte, denen es nicht so gut geht.

Bei der Preisverleihung durfte ich zusammen mit Ihrem Sohn an Ihrer Seite vor dem Computer sitzen und konnte Sie beobachten. Was ging Ihnen durch den Kopf, als deutlich wurde, dass Sie zu den ersten drei GewinnerInnen gehören. Nach der Preisverleihung bekamen Sie viele Rückmeldungen. Welche hat Sie am meisten überrascht?

Ich war sehr überrascht, weil ich damit nie gerechnet hatte. Natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut, dass meine Arbeit so anerkannt wird.

Immer wieder betonen Sie und haben es auch bei der Preisverleihung getan, dass Sie die ehrenamtliche Arbeit allein nie schaffen könnten. Dabei haben Sie ein großartiges Team. Was ist Ihnen an der Zusammenarbeit wichtig?

Ich bin sehr froh darüber, dass wir als Team gemeinsam anderen Menschen helfen können. Wir als Team der Wärmstube haben aber auch viel davon, dass wir zusammen für andere da sein können. Alle Helfer sollen die Menschen, die zu uns kommen nett behandeln und so annehmen, wie sie sind.

Viele Stunden in der Woche setzen Sie sich seit Jahren still und fast unbemerkt in der Wärmestube für bedürftige Menschen ein. Dabei machen Sie wenig Aufhebens um Ihre Person. Durch die Preisverleihung stehen Sie nun im Rampenlicht. Was bedeutet Ihnen das?

Ich freue mich sehr, dass die Wärmestube durch die Preisverleihung noch bekannter wird und mit Hilfe von Spenden noch viele Jahre für Bedürftige da sein kann.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis in der Wärmestube?

Vor vielen Jahren besuchte uns ein Obdachloser, der in einem Zelt lebte. Ich brachte ihm abends öfter eine warme Mahlzeit ins Zelt. Eines Abends, es war vierzehn Tage vor Weihnachten, sah ich, wie er fror. Am nächsten Tag holte ich ihn ab und fuhr mit ihm zu einer Wohnungsgesellschaft, um ihm eine Wohnung zu besorgen. Man sagte uns ab, obwohl mehrere Wohnungen frei waren. Ich nahm an, weil die Verantwortlichen sehr auf sein Äußeres schauten. Als wir uns verabschiedeten, wünschte ich ihm etwas höhnisch ein frohes Weihnachtsfest. Als ich in mein Geschäft zurückkam, klingelte das Telefon und der Herr von der Wohnungsgesellschaft sagte, sie hätten doch eine Wohnung frei und wir könnten uns den Schlüssel abholen. Danach bin ich mit ihm noch Möbel kaufen gefahren in einem Sozialkaufhaus, dass es noch möglich gemacht hat, die Möbelstücke vor Weihnachten zu liefern. Zwei Tage vor Weihnachten konnte er einziehen. Von da an nannte er mich “Meine Königin”.

Vor 14 Tagen, als ich bei der Essensausgabe war, stelle sich eine junge Frau aus Engelnstedt vor, die gern zukünftig ehrenamtlich Ihr Team verstärken möchte. Wie gut ist Ihr Team derzeit personell ausgestattet und können Sie weitere Unterstützung gebrauchen?

Die Helferinnen und Helfer sind alle nicht mehr die Jüngsten und die Wärmstube freut sich über Nachwuchs, damit den Menschen, die die Wärmstube besuchen, noch sehr lange geholfen kann.

Vor 10 Jahren haben Sie die Leitung übernommen und damit auch für die Ihnen anvertrauten Menschen. Was erleichtert/erschwert Ihr Engagement seitdem?

Nicht bei allen Menschen der Kirchengemeinde ist die Wärmstube gleich beliebt und manchmal muss man ganz schön kämpfen, um etwas zu erreichen.

Die Laudatio hielt der evangelische Propst Uwe Teichmann. Das ist ein schönes ökumenisches Zeichen. Wie stehen Sie zur Ökumene?

Ich bin sehr für die Ökumene. In der Wärmestube sind alle gleich gerne gesehen, egal welcher Religion sie angehören und ob und welchen Glauben sie haben.

Die Motivation für Ihr soziales Handeln nehmen Sie aus Ihrem christlichen Glauben. Wie wichtig ist er Ihnen dabei?

Mein Glauben ist mir sehr wichtig, weil er mir schon oft in positiven und negativen Situationen geholfen hat.

Die Medien sind voll von negativen Schlagzeilen über die katholische Kirche. Welches Zeichen möchten Sie als praktizierende Katholikin setzen?

Die katholische Kirche hat in der Vergangenheit sicher nicht alles richtig gemacht. Im sozialen und caritativen Bereich sehe ich einen wichtigen Auftrag der Kirche. Mit der Wärmestube können wir ein wenig dazu beitragen, diesen Auftrag zu erfüllen.

Die katholische Kirchengemeinde St. Joseph stellt Ihnen unendgeldlich Räumlichkeiten zur Verfügung. Weitere kommunale und kirchliche Unterstützung bekommen Sie nicht. Wie trägt sich die Wärmestube?

Die Wärmestube trägt sich ausschließlich über Spenden, sowohl Lebensmittel, Sach- und Geldspenden. Ohne diese Spenden könnte es die Wärmstube nicht geben.

Die Wärmestube ist für alle Menschen egal welcher Konfession oder Religion offen. Wie wichtig ist Ihnen das?

Alle Menschen sind Kinder Gottes und er ist für alle da. Und so ist es bei uns auch.

Die Coronakrise hat auch Ihre Arbeit eingeschränkt. Plötzlich waren Treffen mit einem gemeinsamen Frühstück jeden Tag von Montag bis Freitag nicht mehr möglich. Schnell haben Sie darauf reagiert und für die Bedürftigen Essenstüten gepackt. 8-9 mal monatlich ist am Pfarrheim St. Joseph bei Einhaltung der Coronahygienevorschriften Lebensmittelausgabe und was der Mensch sonst noch so braucht, haben Sie in die Tüten gepackt. Weit über 150 – im Dezember sogar 220 – werden monatlich verteilt. Wie kamen Sie auf die Idee Essenstüten für die Bedürftigen zu packen und zu verteilen?

Die Idee mit den Lebensmitteltüten kam uns als Team, nachdem die Coronapandemie die Frühstuückstreffen verhindert hatte. Ich schlug vor, zweimal in der Woche Lebensmitteltüten zu packen und an die Bedürftigen zu verteilen.

Mit welchen Sorgen und Problemen wenden sich Menschen bei der Abholung an Sie und Ihre MitarbeiterInnen?

Besonders bei Kontakt zu Ämtern, bei denen es auch um das Ausfüllen von Formularen geht, haben viele Schwierigkeiten. Aber auch bei Schulden, Nichtbezahlen der Miete oder der Energiekosten werden wir zu Rate gezogen. Oft werden uns familiäre Problem erzählt, da viele keinen Kontakt zu ihren Angehörigen haben. Darüber sind sie sehr traurig und wir müssen sie trösten.

Im Rahmen dieses Interviews möchte ich Ihnen die Möglichkeit geben sich bei Ihren MitarbeiterInnen und Sponsoren zu bedanken.

Ganz herzlich möchte ich mich bei meinem Team für die großartige Arbeit und Hilfe bedanken, einer alleine könnte gar nichts erreichen. Ein besonderer Dank gilt den Sponsoren, von denen uns einige schon seit vielen Jahren großzügig unterstützen.

Ich danke Ihnen für das Interview und wünsche Ihnen und Ihrem Team weiterhin Gottes Segen für Ihre wichtige und gute Arbeit.

Für die kommende Zeit wünsche ich mir und meinem Team, dass wir bald wieder das Frühstück in gewohnter Weise anbieten können, da vielen Besuchern der Wärmstube die guten Gespräche und die Kommunikation fehlt. Für den Heilig Abend 2021 wünsche ich mir, dass wir zusammen unter dem Weihnachtsbaum mit allen der Wärmstube feiern und ein schönes Weihnachtsessen zu uns nehmen können.

Pastor Sorge